Sanierung „Maria Birnbaum“

Bildergalerie Sanierung „Maria Birnbaum“

Steckbrief

Bauvorhaben: Sanierung der Wallfahrtskirche Maria Birnbaum in Sielenbach, www.maria-birnbaum.de

Baujahr: März 2009 bis Juni 2010

Auftragsgesamtvolumen: 2,1 Mio. €

Kubatur: ca. 15.000 Kubikmeter

Bauherr: Deutscher Orden, vertreten durch: Erzbischöfliches Ordinariat München und Freising, 80333 München

Architekt: Landherr Architekten, 80333 München, www.walterlandherr.de

Tragwerksplanung: Barthel & Maus, Beratende Ingenieure GmbH, 80797 München, www.barthelundmaus.de

Holzbau: Holzbau Gebrüder Pappe GmbH, 99084 Erfurt, www.holzbau-pappe.de

Zeitungsartikel Mikado 9.2013

mikado-maria-birnbaum

Grundriss der Wallfahrtskirche

grundriss

Schnitt

aufriss

Ein Hindernislauf, ein Vorzeigeprojekt und Viele Glücksfälle.

Die Sanierung von Maria Birnbaum ist alles in einem. Beginnen wir mit dem Hindernislauf. Da waren zunächst einmal die Fledermäuse. Sie waren zahlreich und — wie sich heraus stellte — allesamt männlich. Zum Glück für das Bauvorhaben. Die Fledermäuse hatten sich im Vom Holzwurm befallenen Dachgebälk häuslich niedergelassen. Zur Schädlingsbekämpfung musste das Gebäude im Rahmen der Sanierung luftdicht abgeschlossen und begast werden. Wéiren die Fledermäuse weiblich gewesen, hätte der von der Unteren Naturschutzbehörde
hinzugezogene Fledermausgutachter der Aktion keine Zustimmung erteilt. S0 aber durfte ein Fachunternehmer Kirchtürme und Öffnungen in luftdichte Folie hüllen. Die neben der Kirche wohnenden Klosterbrüder zogen ein paar Tage lang an einen anderen Ort. Und Spezialisten leiteten das todbringende Gas ins Gebäude, um den Wurmbefall ein für allemal zu stoppen. Auch das Gerüst, das für diesen Zweck und fiir die späteren Sanierungsarbeiten benötigt wurde, konnte nicht einfach so aufgestellt werden. Weil es zum Teil über die komplette Kirchenbreite gespannt werden musste, benötigte es eine eigene Statik. Und als die Handwerker Hand an den Fußpunkt des Gewölbes legten, stellten sie fest, dass die Schwellen komplett vom Hausschwamm zerfressen waren.

Großes Vorbild Pantheon

Und nicht nur das: Das 1661 bis 1668 von Architekt Constantin Bader nach dem Vorbild des Pantheoris in Rom erbaute Gebäude zeigte unzählige Schadensbilder: Kehlbalken waren
verrottet, Holzverbindungen hatten sich gelöst, Bretter und Bohlen waren angebrochen oder morsch, die Schindeldächer verfault, Kreuze und andere Kunstgegenstände verrostet. Aufsteigende Salze hatten Putz und Mauerwerk geschadet.

Vor allem aber hatte sich der ll m hohe, mit zwölf Apostelstatuen bestückte Apostelturm im Zentrum des kreisrunden mit einer Kuppel überdachten Mittelbaus gesenkt. Vor einigen Jahren waren Risse im Gewölbe entstanden und hatten Sofortmaßnahmen nötig gemacht. Seither stand inmitten des Mittelschiffs von Maria Birnbaum ein klobiger Gerüstturm, der die Last des Apostelturms abtrug und sicherstellte, dass das Gewölbe darunter nicht einstürzte.

Auch die Fassade sowie die vielfältige Dachlandschaft mit ihren verschiedenen Türmen und Nebentürmen, Kehlen und Kuppeln, Aufbauten und Symbolen zeigten aufgrund ihres Alters diverse Schäden. Im Laufe der Zeit war das aus verschiedenen kreisförmigen Teilräumen zusammengesetzte Gebäude mehrfach saniert worden, sodass sich bei den Instandsetzungsarbeiten diverse ausgebesserte Hölzer im Dachstuhl fanden. in den 1930er-Jahren hatte man darüber hinaus versucht, diesen zu verstärken. Der Putz der Außenfassade war in den 1970er-Jahren erneuert worden. Damals hatten die Sanierer einen Bet0n-Ringanker eingezogen, der sich an der Mauerkrone um die gesamte Kirche herumwand. Allerdings hatten sie den letzten Schritt vergessen, die Verbindung der beiden Längswände miteinander durch einen Zuganker. Entsprechend hatten sich die Kirchenmauern in den folgenden Jahren weiter nach außen geneigt. Auch die beiden in einem Jahrhundert nachträglich angebauten Seitentürme hatten nicht verhindern können, dass die Kirche auseinanderzudriften drohte – an manchen Stellen um bis zu 18 cm.

Durchdachte Gesamtmaßnahme

Statt Flickwerk war nun eine durchdachte Gesamtmaßnahme notwendig geworden, um Maria Birnbaum vor dem Verfall bzw. vor dem Einsturz zu bewahren. Den Auftrag dafür erbielt das Münchner Architekturbüro Landherr Architekten. 2008 begannen die Planer mit den Arbeiten an dem herausfordernden Projekt. Von Anfang an waren Statiker und Denkmalschutz mit in die Planung integriert, um sämtliche Details immer wieder abzusprechen. Die Unwägbarkeit der Bauschäden erschwerte die Kostenberechnung. „Wir wussten ja nicht, was uns erwartet, wenn wir zum Beispiel durch eine Wand bohren“, erklärt Architekt Walter Landherr. Als erste Maßnahmen musste in der Kuppel eine Stahlkonstruktion eingebaut werden, um die Last der Aposteltürme abzutragen. Sie besteht aus zwei Stahldruckringen und zusätzlichen Verstrebungen, die durch das Dachgebälk verzogen werden mussten. Dazu kommen seitliche Stahlträger und zwölf Spannglieder. Mit ihrer Hilfe hoben die Handwerker den Dachstuhl, der sich durch die Last des Apostelturms gesenkt hatte, am Ende der Maßnahmen wieder an.

Millimeter um Millimeter

„Um kein Risiko einzugehen, haben wir an zwei gegenüberliegenden Spanngliedern sukzessive eine Umdrehung geschraubt und den Dachstuhl in mehreren Durchgängen millimeterweise angehoben“, erinnert sich Dietmar Stenger. Der Architekt war als Projektleiter seitens des Büros Walter Landherr mit der Sanierung betraut — und praktisch täglich vor Ort. „Zwischen den Durchgängen mussten wir immer wieder k0ntr0llieren, 0b sich durch das Anheben nicht
an anderer Stelle neue Probleme ergaben“, denkt er an die Aktion zurück. Holzverbindungen, die sich nun lösten? Oder Mauerrisse? Oder neue Verschiebungen? „Es war äußerst diffizil. Letztlich macht der Unterschied vielleicht einen Zentimeter aus“, erzählt Stenger. „Es war ein erhebendes Gefühl, als wir die Keile, über die die Kuppel auf dem Hilfsgerüst im Mittelschiff aufgelagert war, herausziehen konnten und klar war, dass die neue Hilfskonstruktion trägt.“

Hand in Hand arbeiten

Ein zusätzlicher Ringanker aus Beton hält seit der Sanierung die Kuppel zusammen. Darüber hinaus verbinden neue Zuganker aus Stahl die beiden Längsseiten der Kirche an den jeweiligen Schnittpunkten. Dafür mussten Löcher durch die Ziegelmauern gebohrt werden. Durch diese Öffnungen wurden im Anschluss Stahlanker geschoben und an beiden Endpunkten
mit Platten und Verschraubungen gesichert. Im Bereich des Mittelschiffs sichern zwei sichtbar gebliebene Zugstangen aus dünnem hochfesten Stahl die Wände.

Alle diese Schlosserarbeiten mussten in Abstimmung mit den Zimmererarbeiten ausgeführt werden. „Das war deshalb sehr kompliziert, weil die Stahlbauteile höchst präzise gefertigt waren, während das historische Dachgestühl sehr uneinheitlich war. Daher mussten die Handwerker vor Ort Hand in Hand anpassen und befestigen“, erzahlt Landherr. Immer
wieder mussten Streben ausgenommen oder verstärkt werden. Verfaulte Holzbauteile tauschten die Handwerker aus und ergänzten sie mit Leimholz bzw. mit Konstruktionsvollholz.
Schwache Knotenpunkte wurden erneuert, Knaggen an den äußeren Apostelturmsäulen verstärkt. Die alten Spanten mussten teilweise durch neue Hölzer ersetzt und die Kehlbalkenkonstruktion ausgenommen und angepasst werden. „Hier war immer schon eine Schwachstelle“, sagt Stenger. „Die Rinnen waren zu schmal, sodass das Wasser überfloss
und die angrenzenden Hölzer durchnässte. Das haben wir mit der neuen Konstruktion nun optimiert.“ Natürlich in enger Absprache mit dem Denkmalschutz. Auch die bisherige
Holzschalung und die alten, inzwischen verrotteten Holzschindeln auf den Dächern der verschiedenen Kuppeln trugen die Zimmerer zunächst ab, um sie im Anschluss durch neue
Verschalungen und neue Holzschindeln aus Alaskazeder zu ersetzen. Kleinteile und Schmuckstücke wie Kreuze oder Strahlenkränze nahm ein Restaurateur ab und restaurierte sie, bevor sie wieder montiert wurden.

Im März 2009 hatten die Bauarbeiten mit der Begasung begonnen. Im Oktober desselben Jahres k0nnten alle am Bau Beteiligten die Fertigstellung der Umlastung feiern. Das Innengerüst wurde abgebaut. Weihnachten desselben Jahres feierten die Gläubigen in der Kirche die erste Messe seit Jahren ohne störendes Innengerüst.

Danach standen noch Restarbeiten an. Die Handwerker deckten die Seiten- und Nebenkuppeln mit Schindeln ein, der Restaurator montierte die Kunstgegenstände, letzte Malerarbeiten wurden abgewickelt. Im Juni 2010 feierte Maria Birnbaum schließlich die Eröffnung der rundum sanierten Kirche im neuen historischen Gewand.

Ausgezeichnete Sanierung

Der Anerkennung für die Generalsanierung folgte 2012: Die Wallfahrtskirche Maria Birnbaum in Sielenbach gewann den Bayerischen Denkmalpflegepreis 2012 in Gold.

Und die Fledermäuse? Nun, die haben die Begasungsaktion auch überlebt. Als die Arbeiten losgingen, war es ihnen zu laut geworden und sie hatten sich einfach eine neue Bleibe gesucht.